Süße und herzhafte Insekten-Delikatessen: die neue Haute Cuisine

Der Renner: Edle Pralinen mit Insekten verfeinert. Foto: Iwona Golczyk, Pixelio.de

23. Juni 2014 – Bereits Wilhelm Busch war ein Fan dieser außergewöhnlichen Art von Haute Cuisine: Kochen mit Insekten, der Schriftsteller liebte es regelrecht. Seinen Gästen servierte er bevorzugt eine schmackhafte Suppe mit ausgeprägter Nussnote. Die meisten, so wird kolportiert, hätten ob des hervorragenden Geschmacks, der so ganz anders und einfach nur lecker gewesen war, begeistert Nachschlag gefordert – bis sie erfuhren, was sie da eigentlich verspeisten: pürierte Maikäfer nämlich.

Nein, mit dem RTL-„Dschungelcamp” hat Insektenküche überhaupt nichts zu tun. Gut, es ist gewöhnungsbedürftig und einen gewissen Ekel dürften die meisten zunächst überwinden müssen, wenn ihnen frittierte Heuschrecken oder Mehlwürmer mit Schokoguss an Kokoseis serviert werden. Doch das Aha-Erlebnis ist ihnen gewiss: Denn der Gaumen weiß nichts von der anerzogenen Gänsehaut-Reaktion auf das Krabbelgetier und freut sich über ein knuspriges, entfernt mit Erdnussflips vergleichbares Geschmackserlebnis, das unvoreingenommen durchaus einer Sterneküche entstammen könnte.

Mehlwürmer und Maden: Insektenrestaurants boomen

Und so verwundert es kaum, dass Insektenrestaurants – so wie Anfang des Jahrhunderts die Sushi-Bars – boomen. Noch vor wenigen Jahren gab es gerade einmal zwei in ganz Deutschland. Inzwischen haben Gastronomen flächendeckend Mehlwürmer und Maden in ihre Speisekarten aufgenommen. Ganztägige Kochkurse für Insektenesser und solche, die es werden wollen, sind der Renner als Erlebnisgeschenk für Mutige und ambitionierte Hobbyköche gleichermaßen. Kostenpunkt: rund 60 Euro pro Kopf. Waren Lutscher mit eingearbeitetem Wurm vor 15 Jahren noch ein Fall für die Boulevardpresse, so sind sie heute genauso normal wie Insektenpralinen, essbare Riesenspinnen und Skorpion-Vodka.

Eine ganze Branche ist hier entstanden. Und die will ernst genommen, nicht mit Scherzartikeln in Verbindung gebracht werden. Ihre Argumente sind durchaus überzeugend: Essbare Insekten sind nahezu fettfrei und weisen einen hohen Eiweißanteil auf. Sie enthalten erheblich mehr Mineralstoffe und Vitamine als Schlachttiere. Kurz: „Sie eignen sich hervorragend für eine kalorienarme und ausgewogene Ernährung, die schmeckt”, sagen ihre Anhänger. Für Neulinge gilt es, sich klarzumachen, dass Insekten einfach nur ungewohnt für Europäer sind – ähnlich wie Schimmelkäse für Asiaten. Wer es einmal selbst versuchen möchte, findet erste Rezepte zum Beispiel bei heuschreckenzucht.info und wuestengarnele.de.

Gesund und nachhaltig

Geschätzt zwei Milliarden Menschen weltweit ernähren sich von Insekten. Längst nicht alle tun dies aus der Not heraus. In Mexiko etwa gelten Insekten als Delikatesse. In Thailand werden gegrillte Grillen oder Heuschrecken am Spieß an fast jeder Straßenecke zum Verkauf angeboten. Weltweit soll es bis zu 15.000 Züchter und Sammler essbarer Insekten geben, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen empfiehlt ausdrücklich den Genuss von Waldschabe, Ameise und Co.: Ihrer Ansicht nach könnte damit nicht weniger als das Welthungerproblem gelöst werden. Selbst Umweltschützer sind begeistert von dem neuen Trend: Artgerechte Haltung ist auf kleinstem Raum für sehr wenig Geld zu realisieren. Heuschrecken sind bereits nach 35 bis 56 Tagen voll ausgewachsen und dabei hervorragende Futterverwerter: 10 Kilo Futter reichen, um 9 Kilo Heuschrecken zum Kauf anbieten zu können. Für die gleiche Menge Rindfleisch müssen hingegen über 100 Kilo verfüttert werden. Und es entstehen dabei auch noch klimaschädliche Treibhausgase wie Methan und Ammoniak.

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